2015/16 Waseda Erfahrungsbericht

20160501_180402Wenn man über ein Studium an der Waseda Universität in Tokyo nachdenkt, dann sollte man sich zuerst einmal von dem lösen, was man bereits über diese Uni zu wissen glaubt. Bevor ich nach Japan ging, habe ich einiges über Waseda gehört. Es handelt sich dabei um eine der beiden prestigeträchtigsten Privatuniversitäten des ganzen Landes, gelegen mitten in Shinjuku, Tokyo. Meine Senpai erzählten mir, wie stressig es da zugeht, dass man jeden Tag hart arbeitet und mindestens einmal die Woche einen Tag durchmachen muss, um überhaupt das Arbeitspensum zu bestehen. Der Respekt und die Angst, die wir vor Waseda hatten, resultierten darin, dass sich aus unserem Kurs überhaupt nur zwei Studenten – mich eingeschlossen – für diese Uni bewarben … mein Glück, denn allein deswegen bekam ich einen Platz an dieser Institution, einen Platz, für den manche jungen Japaner alles geben würden. Und ich erfuhr, dass Waseda ganz anders ist als das, was man aus den Erzählungen so kennt.

Anstatt euch also nun hier zu erzählen, was man allgemein für das Leben in Japan braucht, was man einpacken sollte, wie das alles mit dem Visum, der Krankenversicherung und der SIM-Karte funktioniert – also Zeugs, das sowieso schon hundertfach geschrieben wurde und das man leicht googeln kann – möchte ich erzählen, was so besonders an Waseda und Tokyo ist, weshalb du Waseda als deine Wunschuni nehmen solltest und was vielleicht eher negativ ins Gewicht fällt.

Also, warum Waseda? Was macht diese Uni besser als alle anderen? Immerhin muss ja etwas an dem Ruf dran sein, den sie genießt.

Tatsächlich ist eben jener Ruf ein großer Pluspunkt, denn der Name „Waseda“ allein öffnet einem in Japan unzählige Türen. Studierst du in Waseda, giltst du für Japaner als Elite der Gesellschaft – selbst wenn es gar nicht so ist. Jeder Japaner, der dich nach deiner Universität fragt, wird mit „sugoi“ antworten, und selbst Zollbeamte und Polizisten, die deinen Studienausweis sehen, winken dich respektvoll durch. Wer „Waseda“ auf seinem Lebenslauf stehen hat, der muss sich schon wirklich dumm anstellen, um keinen ansprechenden Job zu finden. Gerade dies, die Chance, dort zu studieren, wo bereits sieben ehemalige Premierminister studiert haben, solltest du dir nicht durch die Finger gleiten lassen, nur weil du es dir vielleicht nicht zutraust.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass Waseda unheimlich viel Geld hat. Das mag etwas banal klingen, doch man sieht es an jeder Ecke. Die Gebäude sind brandneu und extrem gut ausgestattet. Überall stehen Wachleute und Personal … es gibt sogar Menschen, deren einziger Job es ist, die Tafeln in den Klassenzimmern abzuwischen. Ihr mögt kein Treppensteigen? Kein Problem, denn in Waseda gibt es überall Rolltreppen. Meine Kommilitonen vor Ort dachten ich wäre verrückt, nur weil ich mich derart über Buntkopien gefreut habe. Man hat mehrere Konbinis in der Uni, ein Fitnessstudio, zahlreiche riesige Bibliotheken, unzählige Gebäude, in denen über 50.000 Studenten ihrer Lehre nachgehen. Waseda ist groß, wohlhabend, gut ausgestattet und schlichtweg schön.

Ein weiterer Unterschied Wasedas zu anderen Universitäten ist die Internationalität. Von anderen Studenten an anderen japanischen Unis hört man manchmal, dass man sich als Ausländer ein wenig wie ein Ailien fühlt. An Waseda dagegen studieren rund 5000 Nicht-Japaner. Läuft man über den Campus, so hört man alle Sprachen der Welt. Es gibt zahllose englische Vorlesungen und sowohl die japanischen Studenten, als auch die Lehrkräfte sind an den Umgang mit Ausländern gewöhnt. Den ersten Monat an der Waseda geht man intensiv auf die Austauschstudenten ein. Man hilft euch, ein Konto zu eröffnen und man geht zusammen in Gruppen zum Bürgeramt, um alle bürokratischen Dinge, wie Anmeldung oder Krankenversicherung, gemeinsam hinter sich zu bringen. Alle wichtigen Prozesse und Workshops werden simultan in Japanisch und Englisch gehalten und es gibt sogar Zirkel – also Clubs – die nichts anderes tun als Ausländern zu helfen, sich in Japan zurechtzufinden. Die Internationalität dieser Uni wird euren Horizont erweitern. Gemeinsam mit anderen Ausländern in einem Wohnheim zu leben – zusammen mit Koreanern, US-Bürgern, Italienern, Russen, Isländern etc. in der Küche zu stehen und zu essen, oder einfach zusammen auszugehen und etwas zu unternehmen, wird eine Erfahrung sein, an die ihr euer Leben lang zurückdenkt.

Der eigentlich größte Pluspunkt, den die Waseda Uni mit sich bringt, ist jedoch der Ort, an dem sie gelegen ist. Tokyo ist und bleibt die großartigste Stadt der Welt, und ein Jahr lang mitten in Shinjuku zu leben ist ein Traum, der für viele nicht in Erfüllung geht. Sicher, Mie, Kōbe, Chiba, Aichi und die ganzen anderen tollen Plätze, die es in Japan gibt, sind auch schön … doch Hand aufs Herz, Tokyo bleibt nun mal Tokyo. Eine niemals schlafende, westlich orientierte und internationale, energetische Großstadt. Der alltägliche Rassismus, der Ausländern in Japan begegnet – sei es nun die Tatsache, dass alle versuchen, Englisch mit dir zu sprechen oder sich niemand in der Bahn neben dich setzen will – ist in Tokyo nur gering ausgeprägt, da es in dieser Stadt einfach so schrecklich viele Ausländer gibt. Die Japaner sind an sie gewöhnt und für sie ist es Alltag. Viele meiner Kommilitonen, die aus Japan zurückgekehrt sind und nicht in Tokyo lebten, sehen ihre Zukunft in Deutschland … eben wegen diesen kulturellen Unterschieden. Doch ich habe kaum jemanden getroffen, der sich nicht in Tokyo verliebt hat.

Die Uni einmal ausgeblendet … allein die Tatsache, ein Jahr in Tokyo zu leben, ist etwas, was eigentlich kein weiteres Nachdenken erfordert.

Gibt es denn auch etwas negatives?

Sowohl Waseda als auch Tokyo sind teuer. Um ein Jahr in Waseda studieren zu dürfen, muss man liquides Kapital in Höhe von einer Millionen Yen nachweisen. Das kann schon mal erschlagend wirken, doch bedenkt man, dass man das Geld nur nachweisen muss, aber nicht verbrauchen, sollte es eine überwindbare Hürde sein. Es kann auch von verschiedenen Konten stammen. Ich empfehle euch, es auf keinen Fall auf eurem eigenen zu lagern, denn dann bekommt ihr kein Bafög. Gerade dieses wird euch helfen, denn wenn ihr Auslandsbafög bekommt, dann deckt das – im Falle des Höchstsatzes – bereits einen großen Teil eurer Lebenskosten, die in Tokyo natürlich etwas höher ausfallen als in anderen Städten.

Die Mieten der Wohnheime, die euch an der Waseda zur Verfügung stehen, schwanken stark, je nachdem, ob ihr ein Einzel- oder Doppelzimmer wollt und je nachdem, wie groß es ist. Daher kann ich auch nicht viel über die Wohnheime sagen und darüber, was euch dort erwarten wird, da es einfach recht viele gibt und in welches ihr kommt hängt zum größten Teil vom Zufall ab. Für das teuerste Zimmer legt ihr durchschnittlich 70.000 Yen pro Monat auf den Tisch, was signifikant mehr ist als in anderen Partnerunis. Dafür dürft ihr jedoch auch Internet und Klimaanlage so viel benutzen wie ihr wollt, denn das ist kostenlos. Übrigens könnt ihr auch auf einen Wohnheimplatz verzichten, wenn ihr lieber auf eigene Faust eine Unterkunft suchen wollt. Das ist insbesondere sinnvoll, wenn ihr bereits Verwandte oder Freunde in Tokyo habt, mit denen ihr eine WG gründen wollt, oder aber auch eine Gastfamilie, die euch aufnimmt. Je nachdem, wie genügsam ihr seid, würde ich persönlich zusätzlich zur Miete mindestens 60.000 Yen monatlich für alle anderen Lebenskosten – von Essen bis hin zu Transport – einplanen. Doch das ist wirklich die unterste Grenze und lässt nicht viel Spielraum zu, also wäre etwas mehr nicht verkehrt. Neben Bafög könnt ihr jedoch auch recht leicht einen Nebenjob erlangen. Mit dem Studentenvisum sind bis zu 28- Wochenstunden Arbeitsvisum möglich, und wenn es etwas in Tokyo gibt wie Sand am Meer, dann ist das Arbeit. Selbst mit mittelmäßigen Japanisch-Kenntnissen solltet ihr keine Probleme haben, als Tutor, in Language-Cafes, in Konbinis oder in Restaurants eine Anstellung zu finden, wenn ihr denn wollt.

Möglicherweise negativ könnte auch das Arbeitspensum an der Waseda aufgenommen werden. Es ist bei weitem nicht so schlimm, wie man es von einer Elite-Uni erwarten könnte, doch deutlich mehr als ihr in der Japanologie Leipzig leisten müsst. Pro Semester sind mindestens 13 Credits Pflicht, wobei ein Credit für eine 90-Minuten Einheit pro Woche steht. Dabei geht man mit Hausaufgaben auch nicht gerade sparsam um, und wenn ihr noch weitere Vorlesungen außerhalb des Japanisch-Lernens belegen wollt – was recht unbürokratisch geht und ich wärmstens empfehle – hat man durchaus zu tun. Jedoch dürft ihr euer Sprach-Level frei wählen. Es gibt zwar einen Einstufungstest, doch dieser ist lediglich zur Selbsteinschätzung gedacht. Letztendlich dürft ihr selbst aussuchen, in welche Kurse welcher Schwierigkeitsstufen ihr geht, und einzelne Themenfelder und Disziplinen stärker wichten als andere. Wenn ihr also überanstrengt werdet, dann ist das ultimativ eure eigene Schuld 😀

Nun, was würde ich euch empfehlen, wenn ihr ein Studium an der Waseda antretet? Zuallererst, seid nicht nervös oder verängstigt. Man wird euch an die Hand nehmen und euch helfen. Es wird beinahe nervig viele Workshops geben, in denen man euch erklärt, wie ihr im Alltag zurechtkommt, euch in das Kurssystem einschreibt oder schlicht wie ihr mit der Bahn fahrt oder Essen bestellt. Des Weiteren gibt es wie bereits gesagt Zirkel, die Ausländern helfen. Einem solchen Zirkel beizutreten, und zwar möglichst früh, empfehle ich ebenfalls. Ich persönlich trat keinem Ausländer-Zirkel bei, sondern einem der vielen anderen, die für Japaner gedacht waren, und landete schließlich als einziger Nicht-Japaner in einem Club. Es war recht anstrengend, doch ich habe es nicht bereut. Denn auf diese Weise lernt ihr die Kultur erst so richtig kennen. Auch wenn das Kommunizieren am Anfang noch schwer fällt, werden euch die meisten Japaner mit Neugier begegnen. Zirkel sind der einfachste Weg, in der Uni japanische Freunde zu finden, also tretet unbedingt einem bei. Zufälligerweise hat Waseda die meisten Zirkel aller japanischen Unis. Es gibt für jede Sportart, Nationalität, Musikrichtung und sogar für manche Anime eigene Zirkel. Versucht doch mal „waseda circle list“ zu googeln und euch mit dem daraufhin erscheinenden pdf schlau zu machen. Des Weiteren empfehle ich euch, so oft es geht auszugehen. Jap, ein etwas unorthodoxer Vorschlag, doch ihr werdet in der besten Stadt der Welt leben: besucht mal einen Club, geht tanzen, oder etwas schönes essen. Das größte Vergnügungsviertel des Landes, Kabukichō, ist nur wenige Minuten entfernt. Ihr werdet schnell Freunde finden, ebenso wie neue Erfahrungen. Was Japan ist, das lernt man nicht in Vorlesungen … das lernt man auf der Straße mit eigenen Augen im Dialog mit echten Japanern. Auch Dating-Apps wie Tinder sind in Tokyo massiv in Gebrauch und helfen, neue Leute kennenzulernen.

Dies mögen augenscheinlich dumme Tipps sein, doch ganz im Ernst: es ist gar nicht so leicht, Freunde in einem Land zu finden, in dem man niemanden kennt und in dem man die Sprache mehr schlecht als recht spricht. Doch im Nachtleben oder über Apps sind die Menschen offener (das liegt womöglich auch am Alkohol) und neugieriger zugleich. Wenn ihr nebenbei in einem netten Zirkel seid und euch in eurem Wohnheim nicht wie ein Arsch verhaltet, dann werdet ihr schnell viele Menschen haben, mit denen ihr eure Erlebnisse teilen könnt.

Jetzt könnte ich noch darüber schreiben, was man so unternehmen kann (vor allem Nomikai (oh und lasst euch die super Kunstszene, Museen und Ausstellungen in Tokyo nicht entgehen!), was man unbedingt mit nach Japan nehmen muss (Bargeld, Kreditkarte, Adapter!) oder worum man sich frühzeitig kümmern sollte (Bafög, Visum, fangt 6 Monate vorher an!), doch den Kram kann man wie gesagt einfach ergoogeln.

Daher … habt keine Angst, geht unvoreingenommen an die Sache heran, seid sozial, und scheut nicht davor zurück, zu fragen … eure Senpai oder auch einfach irgendwelche Japaner, die ihr gerade auf der Straße seht (als ich ankam, noch mit dem Koffer in der Hand und auf dem Weg zu meinem Wohnheim, habe ich auch eine betagte, japanische Dame gefragt, wie man denn Bus- Tickets kauft, was letztendlich dazu führte, dass sie mich den gesamten Weg begleitet und mir geholfen hat … die Leute sind hilfsbereit! Also sucht aktiv nach Hilfe, wenn ihr sie braucht!).

Wenn ihr diese Tipps beachtet, dann werdet ihr das schönste Jahr eures bisherigen Lebens in Tokyo verbringen, das garantiere ich euch.

Marco, BA Japanologie

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